Ei - Karl Manfred Rennertz
Für eine Henne ist mein Eisenei zu schwer und zu groß, dass sie dieses gelegt haben könnte. Mein Ei ist keine Nachempfindung der Natur, sondern eine Kunstform, die von der Natur durch ihre Schönheit angeregt wurde. Diese Schönheit, diese Formharmonie mit einem einfachen Strich auf Papier zu zeichnen gelingt nicht immer- Ein erster Versuch, dann fängt das korrigieren an, man zieht die Linie nach und wieder nach und neu und neu. Das Blatt wird immer krakeliger. Der Blick in den Kühlschrank hilft nicht wirklich, denn unsere Vorstellung von Ei ist etwas anderes als die Wirklichkeit die beim Huhn hinten raus kommt.
Darüber zu philosophieren, kann recht kompliziert werden. Der Bildhauer will in erster Linie aber etwas machen. Die Schönheit, die ideale Form, die Grundform für so viele plastische Ereignisse und abstrakte Formen der klassischen Moderne.
Auch bei mir fing es in der Kunstakademie damit an: Eiformen aus Gips auf Maschendraht, bestimmt 20 Eierköpfe habe ich in kurzer Zeit so modelliert und wieder und wieder überarbeitet, geglättet, verändert, wieder geglättet.
Damals wusste ich noch nichts von der tollen Kopfform, die Brancusi gemacht hatte und wie besessen er die Bronze polierte. Hätte ich mir meine Arbeit dafür sparen können? Ich glaube nicht, Akademie verlangt Selbsterfahrung, Erlernen und Erspüren, wie die Form ist und wie man diese korrigiert. Langsames Sehen, Studieren der Werke der Großen Meister, einlesen in deren Formensprache, Analyse, keine schnelle Sache. Auch später gab es immer wieder Ei-Formen, aus Tuffstein, Keramik und auch aus Bronze.
Das Eisen-Ei vor der Autobahnkirche entsprang dann viele Jahre später - etwa um 2015 dem Zeichenstift, wurde digital erfasst und auf die jetzige Größe skaliert. Mehrere Ansichten mussten zur Herstellung einer Styroporform digital vereint werden und schließlich fräste ein Roboter zwei genau identische Eihälften. Im Sandformverfahren konnten diese dann abgeformt werden, um die eigentliche Gussform herzustellen Einfach ist das nicht, denn die Eiseneierschale ist nur knapp 2 cm dick und doch schon über 600 kg schwer. Für den Innenraum des Eis musste deshalb aus Sand ein Verdrängungskörper geformt werden. In den etwa 2 cm großen Spalt zwischen Außenform und Innenform floss dann dass über 1300° C heiße Metall. Aufregend.
Es ist so geworden wie ich es wollte. Gerne kann man drauf sitzen oder es anders ausrichten, es ist drehbar gelagert. Vielleicht wird die rostige Patina durch das Streicheln von Besuchern einfach noch etwas schöner.
Karl Manfred Rennertz