Hochgeflogen und abghoben

Dass die vier großen Träger, die das Gesamt der Autobahnkirche halten, an ihrem Fundament die vier Symbole der Evangelisten tragen, hat mehrere Gründe. Es ist zum einen das Evangelium, das die Kirche trägt und nicht die Menschen. Es ist das Evangelium, das nach außen in die Welt blickt. Es sind die vier Himmelsrichtungen, die die ganze Welt als Geltungsbereich festlegen und es sind die vier Tiere, die in der Apokalypse genannt werden: »6 Im Vordergrund war etwas wie ein gläsernes Meer, so klar wie Kristall. In der Mitte, in einem inneren Kreis um den Thron, waren vier mächtige Gestalten, die nach allen Seiten voller Augen waren. 7 Die erste sah aus wie ein Löwe, die zweite wie ein Stier, die dritte hatte ein Gesicht wie ein Mensch, und die vierte glich einem fliegenden Adler. 8 Jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, die innen und außen mit Augen bedeckt waren. Tag und Nacht rufen sie unaufhörlich: ›Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott, der die ganze Welt regiert, der war und der ist und der kommt!‹« (Offenbarung, 4,6-8-, Übersetzung Gute Nachricht)
Im Nordosten sehen wir den Adler, der für den Evangelisten Johannes steht. Wird dieses Symbol deshalb verwendet, weil sich der Verfasser dieses Evangeliums über alles Irdische hinaus erhebt? Sind seine Gedanken von so hoher Warte aus gesprochen, dass wir sie erst nach langer Meditation und dann auch nur annähernd verstehen können? Oder ist er so abgehoben, dass wir uns gar nicht mehr um ein Verständnis bemühen wollen? Der Adler steht wohl auch für jede Art von Theologie. Sie erhebt sich in Höhen und läuft Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. Wir wissen, dass ein Adler nicht ewig in der Luft bleiben kann. Er muss entweder in seinen Horst fliegen oder hin und wieder landen, um Beute auszuspähen. 
Ein Adler kann hoch fliegen. Er hat dann einen weiten Blick auf die Welt, der aber nicht so sehr trotz Adlerblick ins Detail geht. Je näher er dem Boden kommt, umso mehr Einzelheiten werden erkennbar, es geht dann nicht mehr um das Allgemeingültige, sondern um das, was hier und jetzt zählt. Der Adler an der Autobahnkirche kann beides und lehrt uns beides.
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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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