Heilige Geistkraft kommt zu dir

Die Szene der Verkündigung an Maria, die wir in der Krypta der Autobahnkirche sehen, ist sehr dynamisch dargestellt. Der Engel kommt auf Maria zu, er streckt ihr die geöffneten Hände entgegen und ist selbst noch in der Bewegung auf sie zu. Es ist eine sehr intime Begegnung, die beiden sind für sich allein und geben sich der Erfahrung voll und ganz hin. Während der Engel voller Bewegung ist, steht Maria ruhig da, sie ist nicht statisch, sie scheint nur kurz in ihrer Bewegung verharrt. Es ist hier der Moment der Empfängnis gezeigt, in der beides, Ruhe und Bewegung, einen Platz hat.
Wenn man sich alte Darstellungen dieser Szenerie anschaut, dann kommt zum Engel meist noch der Heilige Geist in Gestalt einer Taube dazu. Hier fehlt ein eigenes Symbol für diese Geistkraft, aber sie ist in der Dynamik des Engels gegenwärtig und spürbar. Allein schon in den ausgestreckten Armen wird diese Kraft deutlich sichtbar. Es ist noch etwas besonderes in dieser Szene. Der Engel tritt Maria nicht gegenüber, sondern er wächst zu ihr empor. Er kommt nicht vom Himmel herab, er springt gleichsam aus der Erde heraus . 
Wenn er die Bewegung zu Ende geführt hat, dann ist er auf Augenhöhe mit Maria und verschmilzt mit ihr. Die Geistkraft kommt hier nicht über Maria, sondern sie kommt zu ihr, sie wächst zu ihr empor um schließlich eins mit ihr zu werden. Zudem wird der Engel sehr männlich dargestellt. Er drückt Kraft und Bewegung aus. Wenn beide verschmelzen entsteht das, was wir als »Erlöser« bezeichnen. In Maria bekommt Christus Raum durch die Begegnung, durch das Einswerden von Engel und Maria. Wenn Irdisches und Göttliches eins werden, dann entsteht etwas wirklich Neues, dann wird Christus Fleisch. Wo Bewegung und Ruhe zu Einem werden, dort geschieht Erlösung. Es geht nicht auf Kosten des Einen oder Anderen, sondern dadurch, dass beide verschmelzen, geschieht Neues und wird Neues.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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