Ins rechte Licht gestellt

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Für eine Verkündigungsszene fällt diese Darstellung in der Krypta der Autobahnkirche ziemlich aus dem Rahmen. Maria kniet nicht, um die Botschaft des Engels zu empfangen. Sie sitzt auch nicht, ins Gebet versunken, auf ihrem Stuhl. Sie steht selbstbewusst da und hört, was der Engel Gabriel ihr zu sagen hat. Das ist ein modernes Bild von Maria. Sie ist die junge Frau, die weiß, was sie will, die nicht demütig empfängt, sondern die kreativ am Plan Gottes mitwirkt. So muss man auch ihre Antwort verstehen, die der Evangelist Lukas überliefert: »Ich gehöre dem Herrn, ich bin bereit. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.« (Lk 1,38, Übersetzung Gute Nachricht). Bei allem Selbstbewusstsein, das sie ausstrahlt empfängt sie diese Botschaft doch in einer Gebetshaltung. Sie hat die Arme vor der Brust gekreuzt, eine Form der nach innen gerichteten Schau.
Maria steht im Licht Gottes, sie empfängt das Licht und es strahlt aus ihr heraus. Es ist eine Art der Jungfräulichkeit, die wir hier sehen. Es geht dabei nicht um biologische sondern um eine spirituelle Jungfräulichkeit. Maria lässt sich vom Licht Gottes, das auf sie einströmt ganz und gar erfüllen. Es ist die mystische Sicht des Verkündigungsgeschehens, das Emil Wachter hier sichtbar werden lässt. Maria ist erfüllt vom Licht, vom Geist Gottes, sie wird dieses Licht dann auch zur Welt bringen. Maria wird ins rechte Licht gestellt. Sie übernimmt die Aufgabe, die ihr aufgetragen wird und gibt als Mitschöpferin dem Christus Raum und Gestalt. Und noch eines ist bemerkenswert. Maria handelt nicht aus einer resignativen Ergebenheit heraus, die von der Angst geleitet wird, sondern sie ist überzeugt von dem, was sie tut. So kann sie auch ohne Angst vor diesem göttlichen Ereignis stehen, das bei ihr und an ihr geschieht. 
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Die Botschaft des Engels: »Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden!« (Lk 1,30) verweist sie auf eine neue Art des Erlebens und gibt ihr die Kraft und den Mut in diesem Licht stehen zu bleiben. Auch das gehört zu dieser mystischen Sicht der Verkündigung. Ohne Angst Gott zu begegnen, ohne Angst am Schöpfungsakt Gottes mitzuwirken, ohne Angst auszuhalten, dass im Moment keine Kontrolle möglich ist. So bleibt Maria stehen, sie wird ins Licht gestellt und bleibt im Rampenlicht stehen. So wie wir es auch tun können.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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