Nur geerdet reicht nicht

Immer wieder wird betont, wie wichtig es ist, dass wir gut geerdet sind. Und das ist richtig. Ohne eine gute Bodenhaftung würden wir haltlos im Raum herum schweben und nicht so richtig wissen, wo wir sind und wo wir hingehören. Gerade für unser geistliches Leben ist eine gute Bodenhaftung unerlässlich. So beugen wir Schwärmerei vor, wir vertrauen nicht nur unserer Intuition, sondern auch unserem kritischen Verstand, mit dem wir verschiedene Phänomene deuten und in ihrer Bedeutsamkeit für unser Leben einordnen können. Emil Wachter zeigt an der Südtreppe zur Krypta eine Frauengestalt, die sich auf den Boden setzt und in stille Betrachtung versunken ist. Sie hat eine gute Bodenhaftung, sie sitzt und ist in sich gekehrt. Ihre Arme umschließen die Beine und geben den Füßen noch einmal einen sicheren Halt auf dem Boden. Sie hat Kontakt zur Erde aufgenommen und kann darauf gut sitzen. Sie ist geerdet.
Aber sie drückt noch mehr aus. Über ihr schwebt die Sonne als Ewigkeitssymbol, das Zeichen für das Göttliche und den Himmel. Sie hat in ihrem Sitzen auf der Erde gleichzeitig auch Kontakt zum Himmel aufgenommen, sie hat sich »gehimmelt«. Sie weiß, dass ihr die Erde allein nicht die Kraft geben kann, echte, nachhaltige Veränderung zu bewirken. Sie braucht die Ausrichtung nach oben, in den Himmel. So zeigt sie eine Grundbedingung unseres menschlichen Daseins: Wir sind geerdet und zugleich gehimmelt. Wir stehen zwischen Erde und Himmel, wir sind die Wesen, die Erde und Himmel miteinander verbinden.
Gerade im stillen Gebet vollziehen wir diese Grundaufgabe unseres Mensch-Seins. Wir nehmen Kontakt zur Erde auf, wir setzen uns auf den Boden, ein Kissen oder einen Hocker und haben so die Basis und den Halt, den wir brauchen. Wir strecken uns nach oben aus, denn nur aufgerichtet können wir unsere Kräfte ganz entfalten. Die Erde, die uns Halt gibt, hilft uns dabei. Der Himmel lässt uns wachsen, dass wir uns verändern können. Aus der Erdverbundenheit wird eine Himmelsverbundenheit, die uns stärkt. Von der Erde aus strecken wir uns in den Himmel aus. So verwirklichen wir das, was wir als Menschen tun können. Wir sind beides, gut geerdet und gut gehimmelt.
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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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