Gott stürzt Mächtige vom Thron

Wenn man politische Prozesse verfolgt, stellt man immer wieder fest, dass diejenigen, die Macht innehaben, sie nicht gerne wieder abgeben. Es wird als Fortschritt der Demokratie gepriesen, wenn ein Machtwechsel ohne große Probleme und friedlich von statten geht. Das, was in demokratischen Strukturen als der Normalfall gilt, ist in autoritären Systemen selten der Fall. Es drohen immer größere Unruhen, wenn ein Herrscher seine Macht verliert und vom Volk, vom Militär, einer rivalisierenden Clique, von ausländischen Mächten oder von der eigenen Familie gestürzt wird. In allen Fällen muss eine gute Lösung gefunden werden, wie der Übergang gestaltet wird. Je mächtiger ein Herrscher oder eine Herrscherin, je länger eine Regierungschefin oder ein Regierungschef an der Macht war, umso schwieriger gestaltet sich dieser Übergang. In der Autobahnkirche gibt es in den Fenstern drei Darstellungen von Herrschaft: Da sitzt Herodes in Generalsuniform auf dem Thron, dann der oder das Böse schlechthin an den Schalthebeln der Macht. Schließlich in der Nordseite der Fenster sehen wir den leeren Thron. Auch das ist ein Sinnbild für Macht, vor allem aber für die Vergänglichkeit von Macht. So lässt sich aus dem Lobgesang der Maria zitieren: »Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt Gott mit Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.« (Lukas 1,52-53) Der leere Thron zeigt, dass Herrschaft immer endlich ist, noch kein Herrscher, auch keine Dynastie, hat es geschafft, den eigenen Herrschaftsanspruch auf Ewigkeit festzuschreiben.
Macht war und ist zeitlich begrenzt. Der Thron, um den so heftig gekämpft wurde, wird irgendwann wieder leer sein. Die gläubige Sichtweise sieht darin das Handeln Gottes, wie es Maria in ihrem Loblied feststellt. Auch wenn viel Leid unter einer tyrannischen Herrschaft geschieht, auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, dass jemals ein Wandel stattfinden kann, der Wechsel ist normal. Man kann darin das Eingreifen Gottes sehen, was etwas Tröstliches an sich hat, denn nach Maria sorgt Gott dafür, dass Throne immer wieder unbesetzt bleiben. Hoffentlich!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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