Das Ungeheuer der Moderne

Wer auf die Autobahnkirche zuläuft, dem sticht es sofort ins Auge. Riesengroß steht es dem Betrachtenden des Noah-Turmes gegenüber. Ein rätselhaftes Monstrum schaut einen an, statt eines Kopfes sieht man ein Auto, technische Gerätschaften bilden seine Organe, in den Händen hält es Autoteile und Werkzeuge. Es steht auf einem Autotransporter. Emil Wachter sieht darin ein Mahnmal der Moderne. Es ist der Mensch, der sich ganz und gar der Technik und der Industrie ausliefert. Er verliert alle Menschlichkeit und passt sich ganz in die Welt der Produktion und technischer Abläufe ein. Das Denken wird von Maschinen gesteuert, namentlich hier an der Autobahn von einem Auto und der notwendigen Industrie. Alles passt sich dem an.
Wo ist der Geist zu finden. Wo denkt der moderne Mensch? Zumindest sein Gesicht ist am Ort der Geschlechtsteile. Industrie, Technik und Sex, das sind die Götter der modernen Zeit. Damit werden auch die Werte bestimmt, die die Menschen leiten sollen. Keine Menschlichkeit, nichts von dem was uns eigentlich ausmacht. Ein Geheimnis, das uns umgibt und in dem wir leben, gibt es nicht. Dieses Monstrum ist umgeben von Technik und Menschen, die in den Dienst dieser Technik genommen sind. Gibt es ein Hoffnungszeichen? Vielleicht durch den Ort, an dem dieses Monstrum steht, am Noah-Turm? Die Flut, die die Erde heimsucht, reicht ihm zumindest bis an die Knie.
Wenn das die Aussicht für den Menschen ist, dann kann man nur darauf hoffen, dass die steigende Flut zu einem Umdenken führt. Es gibt noch ein anderes Hoffnungszeichen: Wenn man auf diese Gestalt zugeht, dann muss man auch an ihr vorbei, wenn man in die Kirche gelangen will. Es ist der Weg, den man geht. Das Ziel ist eben nicht dieses Monstrum, sondern die Kirche als Ort, an dem man zu sich selbst und in Verbindung mit seinen Quellen kommt. Hoffentlich geht man weiter, lässt sich nicht abschrecken und bleibt nicht beim Ungeheuer der Moderne stehen!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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