Grabesruhe

Man muss schon genau hinsehen, um den mit Leinenbinden umwickelten Leichnam Jesu in der Autobahnkirche zu entdecken. Dabei ist es eine alte Tradition in den Kirchen, am Karsamstag ein heiliges Grab aufzustellen um daran zu erinnern, dass Jesu wirklich gestorben ist und im Grab gelegen hat. Emil Wachter hat dieses Grab in die Fensterfront integriert und so ist es das ganze Jahr über sichtbar, und doch nicht so schnell zu finden. Der Leichnam verbirgt sich unter einer großen, glaslosen Schicht von Beton, mit einer dunkelblauen Kuppel abgeschlossen. Mit dieser Darstellung knüpft Emil Wachter an das Heilige Grab in den Kirchen an. Wie immer, wenn biblisches Geschehen dargestellt wird, soll dem Betrachter die Möglichkeit geboten werden, sich selbst in diesen Geschichten wiederzufinden. Man konnte den toten Jesus am Grab besuchen, so wie verstorbene Angehörige auf dem Friedhof besucht worden sind. Auch stellte man sich so der eigenen Sterblichkeit, man hatte das »Memento mori - Gedenke, dass du sterblich bist« direkt vor Augen. Im Grab Jesu sah man sein eigenes Grab - und auch die eigene Auferstehung, denn dieses Grab wird geöffnet und es ist am Ende leer. Aber unsere Erfahrung ist doch anders!
Hier ist der entscheidende Punkt. Die christliche Verkündigung bleibt nicht beim Grab stehen, sondern geht weiter. Jesus ist - so die Erfahrung der Christen - auferweckt worden. Und für sie alle wieder ist er sichtbar und erlebbar. Eine entscheidende Frage, die sich heute stellt ist folgende:
Ist das Grab Jesu jetzt leer oder nicht? Wenn wir die Ostererzählung wörtlich verstehen, dann muss es leer sein, denn Jesus ist ja auferweckt. Sind sie symbolisch zu verstehen, dann muss es nicht leer sein, das heißt, dass der Leichnam Jesu bis ans Ende der Zeiten darin ruhen kann. Doch er wird als lebendig und gegenwärtig erfahren in der Gemeinde, in der Eucharistie, überall dort, wo der Leib Christi ist, wie Paulus sagt. Das Grab Jesu lenkt unseren Blick nicht auf den toten Jesus sondern lädt zum Nachdenken ein, wie wir die Auferweckung Jesu deuten, und zwar unabhängig von einem leeren Grab.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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