Wie beten?

Früher war es selbstverständlich und die meisten wussten auch, wie es geht. Doch heute sind wir überfordert, wenn es um das Beten geht. Es fehlen die Worte, wir tun uns schwer, mit entsprechenden Haltungen und nicht zuletzt wissen wir oft nicht mehr, zu wem wir beten können oder sollen. Wir spüren, dass die Gebete, die wir als Kinder gelernt haben, uns nicht mehr entsprechen, wir haben sie zu Recht aufgegeben. Aber gibt es einen guten Ersatz dafür? Oder bleibt uns nur die Sprach- und Ratlosigkeit? Der Blick in die Welt zeigt: Es gibt eine große Vielfalt von Beten. Unter diesem Begriff fassen wir all das zusammenfassen, was uns hilft, mit Gott in Kontakt zu kommen.
Emil Wachter zeigt in der Autobahnkirche immer auch Darstellungen von betenden Menschen. Er beruft sich dabei auf die christliche Tradition, in der verschiedene Haltungen gezeigt und praktiziert wurden. Knien oder sitzen, Stehend oder liegend, stilles Gebet oder mit Worten, freie Rede oder vorformulierte Gebete, alles hatte seinen Platz und seine Zeit. Die Darstellung einer kauernden Person ist dabei eher ungewöhnlich. In sich gekehrt sitzt diese Frau und hält ihre Knie umfasst. Das ist eine Form der Sammlung. Denn so, wie man sich äußerlich zusammennimmt, so konzentriert man sich auch innerlich. Die äußere Haltung ist dabei nicht unwichtig, aber das Beten beschränkt sich nicht darauf. Genauso wichtig ist das jeweilige Tun, das Reden, die Worte, die gefunden oder übernommen werden, oder die Stille. Wir dürfen das Gebet aber nicht auf diese Äußerlichkeiten reduzieren. Es kommt auch immer auf die innere Ausrichtung an, auf den Geist, in dem wir beten. Jesus beispielsweise fordert uns auf, möglichst in der stillen Kammer zu beten, es nicht öffentlich zur Schau zu stellen. Diese innere Haltung oder Ausrichtung ist losgelöst von allem äußeren Tun. Sie steht in enger Verbindung zur Absicht, in der wir beten.
Wir dürfen uns aber genausowenig auf die innere Seite Beschränken, denn Beten ist ein ganzheitlicher Vorgang. Das, was in meinem Inneren geschieht, sucht einen Ausdruck im Körper und beeinflusst diese Haltung. Es geht also nicht darum »ein Gebet für einen Gott in einer Haltung« zu praktizieren, sondern aus der Vielfalt der Möglichkeiten auszuwählen, die für mich zu dieser Zeit an diesem Ort passt. Es ist die Vielfalt von der das Beten lebt und in der wir einen neuen Zugang finden können.
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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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