Marktschreier

Wer mag heutzutage noch Werbung? Sie stört und unterbricht, sie ist lästig und heischt an allen Ecken und Enden auf unsere Aufmerksamkeit. Sie verschlingt Unsummen von Geld, sehr viel Kreativität und wertvolle Ressourcen, die andernorts viel besser und wirkungsvoller eingesetzt werden könnten. Diese Kritik trifft die Reklame für Produkte, die niemand braucht, die man nicht ersetzen müsste und für die auch kein Bedürfnis besteht. Mit Werbung werden Bedürfnisse geweckt, die dann mit dem beworbenen Produkt befriedigt werden sollen.
Mit der Darstellung des Rufers an der westlichen Außenseite der Autobahnkirche greift Emil Wachter dieses Thema auf. Johannes als Vorläufer von Jesus ruft eine Botschaft in die Welt, die mit Verkehrswegen durchzogen ist. Wachter beruft sich dabei auf die Selbstdarstellung des Täufers aus dem Johannesevangelium: »Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du? bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat.« (Joh 1,19-23).
Johannes tritt als Marktschreier, als Rufer auf - und das ist notwendig. Er weist auf jemanden hin, der kommen soll und dessen Ankunft wichtig ist. Johannes macht Werbung, aufdringlich und störend. Er setzt sich ein und verkündet eine Botschaft, die die Welt braucht.
Er antwortet auf ein Bedürfnis der Menschen. Davon zeugen die interessierten Nachfragen seiner Zuhörer. Auch Glaube und Religion brauchen Werbung. Diese Reklame muss nicht so auftreten, wie die andere. Aber sie darf, ja sie muss auch hörbar sein. Das dürfen wir nicht vergessen, sonst geht diese Stimme unter und der Welt würde etwas fehlen.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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