Der unbesetzte Thron

Man kann den leeren Thron, wie er in der Autobahnkirche in der nördlichen Fensterfront dargestellt ist, unterschiedlich deuten. Er könnte ja auch nie besetzt gewesen sein. Und das hat weitreichende Konsequenzen für unser Gottesverständnis. Wenn dieser Gottesthron nie besetzt war, dann gibt es Gott wohl nicht. Oder Gott hat kein Interesse daran, über die Welt zu herrschen. Das Ergebnis wäre im beiden Fällen das gleiche. Auf der Welt und in unserem Leben gäbe es keine Spuren Gottes zu sehen. Eines bliebe trotzdem: Der leere, von Ewigkeiten her und bis in alle Ewigkeiten hin unbesetzte Thron Gottes.
Er ist Ausdruck der Sehnsucht der Menschen nach Gott oder seinem Eingreifen. Wir können nicht mehr sagen, dass es Gott schon richten werde. Wir können nicht mehr um das Eingreifen Gottes bitten, damit die Welt am besten so gestaltet wird, wie wir sie uns wünschen. Es bliebe nur die Sehnsucht nach einem Gott, der das Leid der Welt sieht, der sich gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt. Ein leerer, unbesetzter Thron gibt der Sehnsucht von uns Menschen ein Ziel vor, das wir verfolgen können. Diese Sehnsucht ist eine Form von Glauben, die man adventlich nennen könnte. »O komm, o komm, Immanuel« so heißt es in einem alten Kirchenlied.
Der Ruf nach Gott und seinem Eingreifen, das Vertrauen darauf, dass nur von Gott Rettung kommen kann, zieht sich durch die jüdisch-christliche Geschichte hindurch. Wenn wir unserer Sehnsucht nach Gott in einer gottlosen Welt Ausdruck verleihen, dann haben wir eine feste Vorstellung von dem, was Gott tun kann und wie Gott ist. Dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Gott viel mit unserer Projektion zu tun hat, dass Gott menschlich ist, durch und durch, dass Gott von dem bestimmt ist, was wir wollen. So sieht Gott in unserer Sehnsucht aus. Und wie sieht die Welt aus, wenn sie von Gott beherrscht würde? Wäre
es eine bessere Welt? In unserer Sehnsucht sicherlich. Brauchen wir dazu aber Gott als Herrscher? Der leere Thron ist eine Mahnung an uns. Sorge Dich um die Welt, lebe das, was Deine Sehnsucht nach Gott ausmacht. Dann kann der Thron getrost leer bleiben.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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