Mirjam

Die Schwester von Mose und Aaron wird in der Tradition eher vernachlässigt. Ihre Brüder und besonders Moses stehen im Mittelpunkt des Interesses. Dabei geht auf sie eines der ersten Loblieder auf das Handeln Gottes zurück. Nach der Rettung der Israeliten am Schilfmeer, bei der die Ägypter vernichtet wurden, organisiert sie den Lobpreis: »Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm die Pauke in die Hand und alle Frauen zogen mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her. Mirjam sang ihnen vor: Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Rosse und Wagen warf er ins Meer.« (Ex 15,20-21) Es ist der älteste Lobpreis auf Gott, der überliefert ist.
Wie kommt sie aber dazu? Am Schilfmeer wurden die Israeliten unter der Führung des Mose auf wundersame Weise gerettet. Das Meer trocknete aus, das Volk zog hindurch und die sie verfolgenden Ägypter wurden von den zurückflutenden Wassern überrascht und vernichtet. Ganz gleich, wie man zu solchen Ereignissen steht, es kann wohl so passieren, in der dortigen Region sind vergleichbare Ereignisse bekannt. Es geht aber weniger um die Frage, was wirklich passiert ist, so würden wir es heute tun, sondern Mirjam deutet das ganze Geschehen als von Gott geleitet. Sie sieht in der Rettung der Israeliten das Handeln Gottes. Ihre Erfahrung der Todesgefahr und die unerwartete Wendung zum Guten ist ein Zeichen der Erwählung durch Gott. Es ist die Sichtweise, mit der sie die Welt anschaut. Wenn alles, von Gott bestimmt ist, dann auch die Rettung des Volkes Israels. Und wenn wir gerettet wurden, dann hat das einen besonderen Grund: Gott steht auf unserer Seite. Und deshalb geht sie auch zum Lob Gottes über. 

Quelle: Norbert Kasper

Wir tun uns heute schwer mit Wundern. Ich glaube nicht, dass früher mehr davon geschehen sind, als heute, aber wir nehmen sie nicht mehr als solche wahr. Wir suchen rationale Erklärungen. Auch das hat seine Berechtigung. Aber wir können wie Mirjam das, was uns alltäglich oder im besonderen geschieht als religiöse Erfahrung deuten, als Erfahrung, dass Gott bei uns ist und das Beste für uns will. Und das ist nicht immer leicht!

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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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