Zaungäste

Wir mögen die Menschen nicht, die nur zuschauen wollen und im besten Fall noch ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Wir belegen sie mit entsprechenden Ausdrücken: »Gaffer« und »Spanner«. Wir sehen in ihnen zu Recht Menschen, die andere missbrauchen, um sich an ihrer Freude oder ihrem Leid genüsslich zu tun. Wenn dabei nichts passiert, ist es ja noch erträglich, aber wenn dadurch Hilfsmaßnahmen behindert oder Leid geschaffen wird, dann ist es mit jedem Verständnis zu spät. Wir fragen uns natürlich, wie Menschen dazu kommen. Wir müssen da wohl auch auf uns selbst deuten. Neugier kennen wir alle. Das ist eine Triebfeder, die uns dazu bewegt, anderen zuzuschauen. Es ist ja gut, vieles mitzubekommen, ohne selbst betroffen zu sein. Bei Glück und Freude mag da auch der Neid eine Rolle spielen, bei Unfällen und Leid das Gefühl, selbst davongekommen zu sein.
Zaungäste sehen wir auch in der Szene vom letzten Abendmahl in der Autobahnkirche. Auch sie schauen zu. Sie stehen unbeteiligt dabei. Aber sie können sich nicht draußen halten. Das, was hier passiert, schlägt sie in den Bann und rührt sie an. Ihre Gesichter sind vom Gold der Gesichter der Apostel gekennzeichnet, die mit Jesus am Tisch sitzen. Gold steht in der christlichen Kunst immer für die Gegenwart des Göttlichen. Einer der beiden ist schon ganz vom Geschehen in Beschlag genommen. Das Göttliche hat ihn ergriffen, den anderen noch nicht ganz. So wird aus dem Verhalten, das wir normalerweise ablehnen, etwas, das wir uns wünschen. Wie wäre es, wenn die Neugier der Zaungäste, der Gaffer und Spanner, die zufällig in unsere Gottesdienste geraten, zu Interesse und Angerührtsein wird?
In der Autobahnkirche geschieht es immer wieder, dass Menschen fast schon zufällig, oft aus Neugier getrieben, in unsere Gottesdienste kommen - und bleiben. Viele stehen in der leeren und stillen Kirche und können sich nicht mehr losreißen. Es ist gleichgültig, warum sie gekommen sind, die beiden Zaungäste am Fenster lehren uns, dass man auch zufällig ins Heil geraten kann und betroffen ist. Das kann doch jedem passieren! Wichtig ist, dass sie da sind!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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