Judas, ein Verräter?

Grimmig blickt er drein, der Judas, wie ihn Emil Wachter in der Krypta der Autobahnkirche dargestellt hat. Grimmig und entschlossen, alles andere als sympathisch. Judas der Verräter, ist ja auch nicht sympathisch. Er hat laut den Evangelien Jesus mit deinem Kuss verraten und dafür dreißig Silberlinge kassiert (Mt 26,15). Für Verräter gibt es keine Gnade, es ist mit das Schlimmste, was man anderen Menschen oder Gemeinschaften antun kann. So wird auch Judas in einem Atemzug mit dem Verrat genannt und er gilt als der schlechteste Mensch, den man sich denken kann.
Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass es ohne den Verrat des Judas keine Kreuzigung, keinen Tod und keine Auferstehung Jesu gegeben hätte, dann wäre ohne ihn auch keine Erlösung geschehen. Somit ist nach traditioneller Lesart die ruchlose Tat des Judas heilsnotwendig. Heute sieht man die Gestalt des Judas deshalb auch differenzierter. Er war wohl ein Eiferer, der durch seine Tat Jesus herausfordern wollte, dass er sich endlich als Messias offenbart und die neue Herrschaft Gottes aufrichtet. Nur so lässt sich auch verstehen, dass er das Geld zurückgibt und sich dann erhängt (Mt 27).
Judas ist nicht so unsympathisch, wie er auf den ersten Blick scheinen mag. Er ist ein Überzeugungstäter, der für die Sache Jesu eintreten will, der entschlossen die Sache Jesu vertritt. Ihm ist jedes Mittel recht, damit ihre Sache Erfolg hat. Judas steht für seine Sichtweise ein. Er will, dass sich etwas verändert, dass es vorwärtsgeht. Judas ist ein Eiferer, keine Frage, aber man darf ihm nicht nur niedere Motive wie Habgier unterstellen. Judas ist einer, wie man sich einen überzeugten Apostel vors
tellt. Über die Wahl seiner Mittel kann man streiten, aber er hat durchaus gute Motive, die seinen »Verrat« erklären können. Vielleicht müssen wir mehr über diese Person im Evangelium nachdenken, als ihn zu schnell zu verurteilen.
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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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