Gefängnis oder Freiheit

Blickt man durch das vergitterte Fenster im Johannesturm nach Westen, hat man einen schönen Blick in eine fast unverbaute Landschaft. Emil Wachter gibt diesem Fenster die Bezeichnung »Gefängnis«. So ganz leicht nachzuvollziehen ist diese Interpretation nicht. Das Fenster sieht eher aus wie ein kunstvolles schmiedeeisernes Gitter an einem Wohnhaus. Und man hat auch kein bedrückendes Gefühl, wenn man hindurchschaut, denn dieser Ort und dieser Blick strahlen Ruhe aus. Besonders wenn man an einem nebligen Tag hindurchblickt.
Geht es jetzt um Gefängnis oder um Freiheit? Wahrscheinlich um beides. Freiheit kann man nicht ganz ermessen, wenn man das Gegenteil davon nicht erlebt hat. Zum Gefängnis gehören mindestens drei Eigenschaften, die dieses Motiv beinhaltet. Da ist die dicke Mauer, die gefangennimmt und einsperrt. Da ist das vergitterte Fenster, das zwar den Blick nach außen ermöglicht, aber doch nur den Augen den Weg nach außen gestattet. Und da ist die unerreichbare Außenwelt, in die man sehnsuchtsvoll blicken kann. Und all das bringt noch denjenigen in den Fokus, der das erlebt: Eingesperrt-Sein, nach außen schauend und von der Außenwelt abgeschnitten. Sicherlich keine schöne Erfahrung und wohl nur von denen richtig verstanden, die es erlebt haben.
Der sehnsuchtsvolle Blick in ein unerreichbares Leben hingegen ist mehr Menschen vertraut. Wie oft fühlt man sich in seinem Leben nicht so recht wohl und hätte gerne ein anderes. Man fühlt sich dann eingesperrt in seinem Körper, in seiner Welt und kann nicht heraus. Mauern und Gitter halten einen zurück und es bleibt nur die Sehnsucht nach etwas anderem. Ab
er nach was? Die Welt dahinter liegt im Nebel, sie lässt sich nur erahnen. Aber wir brauchen diese Ahnung, damit wir weitergehen können. Vielleicht hilft es dann, wenn man durch das vergitterte Fenster am Johannes-Turm schaut. Und dann um den Turm herumgeht und den unverstellten Blick genießt.
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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