Hin- und hergerissen

Wofür soll man sich entscheiden, wenn von verschiedenen Seiten an einem gezogen wird? Manchmal ist die Entscheidung einfach und klar, weil wir klare Kriterien haben. Aber was ist, wenn wir zwischen Pest und Cholera wählen müssen und sich eine gute Lösung überhaupt nicht anbietet?
In dieser Darstellung an der Autobahnkirche erleben wir Abraham, der sich zwischen dem Anspruch Gottes nach unbedingtem Gehorsam und seinen Gefühlen als Vater entscheiden muss. Sein Gesicht ist ratlos, seine Hände zeigen die Zerrissenheit, in der er sich befindet.
Die Erzählung, in der ihn Gott auffordert, seinen einzigen und langersehnten Sohn zu opfern, wird of dazu hergenommen, um zu beschreiben, dass die Ansprüche, die Gott an uns Menschen stellt auf jeden Fall höher einzuordnen sind als die, die wir Menschen aneinander stellen. Aber diese Entscheidung ist perfide, denn sie bringt uns in unlösbare Konflikte. Aus heutiger Sicht darf Religion keine Ansprüche stellen, die gegen das Leben gerichtet sind. Und das ist gut so! Ja, es muss auch die Frage erlaubt sein, ob Religion und Glaube einen Menschen in diesen Konflikt stürzen dürfen, der alles andere als dem Leben dient.
Abraham wird von Gott gerettet, sein Vertrauen in Gott wurde bestätigt, Gott wollte sein Opfer nicht. Aber es ist allein schon eine untragbare Vorstellung, dass solch eine Entscheidung von Gott (oder seinen selbsternannten Vertreterinnen und Vertretern) eingefordert wird. Menschen sollen nie ins dieses Dilemma kommen müssen. Aufgabe von Religion ist es, Menschen aus der Zerrissenheit herauszuholen und zu einem Leben zu verhelfen, das ganzheitlich ist und dem Glück dient. Auf keinen Fall dürfen sie Menschen ins Unglück stürzen. Selbst wenn es um wichtige Glaubensfragen geht, muss die Frage erlaubt sein, ob sie dem Leben oder den Menschen dienen. Daran müssen sich Religionen messen lassen!
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Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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