Paulus, die Missgeburt

Paulus gilt als der eigentliche Begründer des Christentums. Er hat den wichtigen Schritt getan, die neue Lehre in den hellenistischen Kulturraum zu öffnen. Er hat die Beschränkung auf die jüdischen Gemeinden aufgehoben und die Botschaft Jesu Christi so formuliert, dass sie für alle Menschen in der bekannten Welt nachvollzogen und übernommen werden konnte. Mit Paulus wurde das Christentum zur Weltreligion. Das war aber nicht abzusehen, Paulus hatte bekanntlich das Gegenteil im Sinn, er wollte die Lehre an diesen Jesus Christus ausrotten. Er geht später mit sich und seiner damaligen Einstellung sehr hart ins Gericht: »8 Zuletzt erschien Christus auch mir, gleichsam der Missgeburt. 9 Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. 10 Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.« (1 Korinther 15,8-10, Einheitsübersetzung) Paulus steht zu seiner Vergangenheit, sieht aber, dass er seinen Fehler auf jeden Fall ausgeglichen hat, indem er sich mit ganzer Kraft für das Evangelium eingesetzt und bestehende Grenzen überschritten hat. 
Wenn er sich trotzdem noch als »Missgeburt« bezeichnet, dann möchte er damit ausdrücken, dass er es ursprünglich nicht verdient hat, dass Christus ihm erschienen ist, aber weil es doch so kam, hat er jetzt das Recht, an der Seite der Apostel für das Evangelium einzutreten. Gerade weil er seine Meinung grundlegend geändert hat, hat er das Recht zur Verkündigung. Paulus war einer, der gesucht und gezweifelt hat. Aus diesem Zweifel leitet er für sich das Recht ab, als Überzeugungstäter ernst genommen zu werden. An uns stellt sich die Frage, ob wir denen, die über große Zweifel zur Überzeugung kommen, Glauben schenken sollen. Paulus ist ein Gewährsmann dafür, dass es funktioniert, er hat selbst die überzeugt, die unter seiner tödlichen Verfolgung zu leiden hatten. Ein besseres Zeugnis kann man einem Apostel nicht ausstellen!
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Perspektiven öffnen

Eine auf den ersten Blick unverständliche Darstellung am Mose-Fries an der Autobahnkirche. Zwischen Mose und seiner Schwester Miriam findet sich eine Konstruktionszeichnung, in der auf der Fläche ein tiefer Raum aufgezogen wird. Möglich wird das durch die Konstruktion eines Fluchtpunktes, die die Malerei zur Zeit der Renaissance revolutioniert hat. Mit einem Fluchtpunkt erreicht man eine Perspektive und die Fläche bekommt räumliche Tiefe. Es ist der Versuch in der zweiten Dimension das darzustellen, was wir als dreidimensional wahrnehmen. Genau genommen ist es eine Sinnestäuschung. Mit der angeblichen Tiefe gewinnen wir eine neue Perspektive. Die vier Flächen um das Rechteck in der Mitte haben eine Funktion. Durch die leeren Trapeze, die Längs- und Querschraffur wird der Blick automatisch auf die Mitte gelenkt und zwar hinter die Mitte, die man nicht sieht, auf die Linien aber zulaufen. Der räumliche Eindruck wird verstärkt. Der Fluchtpunkt wird zum Fokus, an dem sich alles ausrichtet.
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